Kunstfestival ViS!TE im alten Vincentius-Krankenhaus

Kunstfestival ViS!TE im alten Vincentius-Krankenhaus

Unsere Teilnahme an „Visite“ hatte ihren Ursprung an einem spätwinterlichen Spieleabend bei Freunden. Kurz zuvor hatten wir, Miri und Simon, den Entschluss gefasst, Konstanz nun wirklich als dauerhaften Lebensmittelpunkt zu begreifen. In lockerer Runde erzählten wir von „Projekt Agora“ und dass wir von diesem Traum aufgrund des bestehenden Angebots sozialer und kultureller Initiativen und Institutionen in Konstanz nun wohl werden Abstand nehmen müssen. Doch unsere Ideen, oder zumindest das Leuchten in unseren Augen, riefen großes Interesse hervor, verbunden mit dem Vorschlag, wir mögen das doch einmal bei Freunden von Freunden beim „Jungen Forum Konstanz“ (JFK) vorstellen. Gesagt getan.

Wenig später stießen wir auch bei Marius Ullmann, Gaby Weiner und Co. vom JFK auf offene Ohren und einige Ideen zur Umsetzung. „Nimm doch mal mit Friedrich Haupt Kontakt auf. Der möchte im alten Krankenhaus ein Kunstprojekt durchführen, bevor es abgerissen wird.“, war einer der Kooperationsvorschläge. Nachdem wir in groben Zügen mögliche Beteiligungen an diesem Projekt durchdacht hatten, nahmen wir den Hörer in die Hand und es ergab sich ein vielversprechendes Telefonat, das unsererseits auch von ein wenig Nervosität geprägt war – würde man uns tatsächlich als „Künstler“ annehmen? Denn diesen Entschluss hatten wir gefasst: wir gestalten einen Raum, in dem wir die Institution Krankenhaus reflektieren, begreifen ihn als Forum für unsere Ideen und laden dort zum Nachdenken darüber ein, was uns selbst umtreibt.

Räume wahrnehmen, Orte beleben, Erinnerung teilen und dokumentieren, Freiraum nutzbar machen und Kreativität sichtbar werden lassen, einen Austausch initiieren und Menschen verbinden

Diese Ziele hatte sich das Kunstfestival „Visite“ gegeben, das von Friedrich Haupt zusammen mit Bert Binnig und den künstlerischen Leitern Tim und Magdalena Schäfer initiiert wurde. Das ist so nah an dem, was wir mit Projekt Agora verwirklichen wollen – da mussten wir einfach mitmachen!

Es vergingen einige Wochen, gespickt mit E-Mail Updates zum schwierigen Projektverlauf: das Gebäude war bereits vom Stromnetz getrennt, Fluchtwege mussten für ein Großereignis erst geschaffen werden, die Chipkarten der Schließanlage wurden bereits vernichtet – um nur einige Hürden zu nennen. Der Auftakt für die künstlerische Arbeit wurde mehrfach verschoben und am Ende blieben nur gut zwei Wochen für die Umsetzung. Beide Wochenenden während der Arbeitsphase waren bei uns bereits privat verplant – es war klar: das wird ein enges Ding werden, jetzt müssen wir unsere Projektmanagement-Kompetenz unter Beweis stellen.

Es geht los! Baustrom-Verteiler versorgen das Gebäude, eine mobile Rauchmeldeanlage wurde installiert und Fluchtwege definiert, der Künstlereingang hat ein eigenes Schloss und knapp 70 Künstler einen eigenen Schlüssel. Am 20. Juni, 15 Tage vor der Vernissage, holen wir unseren Schlüssel ab und nehmen tags darauf unseren Raum in Augenschein.

„Wachstation“ und „Aufwachraum“ – das passt schon mal hervorragend. Wir wollen einen Raum gestalten, der sich während des Wochenendes entwickelt und erst mit Hilfe des Publikums „fertig“ wird. Wir wollen die Funktionen, Eigenschaften und Wahrnehmungen eines Krankenhaus aus individueller und gesellschaftlicher Sicht reflektieren und deshalb steht schnell fest, dass wir an zwei gegenüberliegenden Wänden die beiden Pole: Individuum und Gesellschaft abbilden wollen.

Die „Empathiewand“ am Ende der Arbeitsphase

Auf dieser Seite wird man gefordert sein, sich in die Lage einer womöglich todbringenden Diagnose zu versetzen. Die Besucher werden aufgefordert die Geschichte zu erzählen. Wir erhoffen uns, dass am Ende des Wochenendes viele verschiedene Pfade, mutmachende Wendungen und überraschende Einsichten stehen; dass eine Diagnose erstmal nur eine Diagnose ist; und dass eine Krankheit auch gleichzeitig eine Heilung sein kann. Ob es gelingt?

Über die gegenüberliegende Wand haben wir uns lange den Kopf zerbrochen, über Formulierungen diskutiert und uns auch gefragt, ob man dergestalt provozieren darf. Wir zeichnen ein Diagramm an die Wand, in das die Besucher einen Graphen einzeichnen sollen. Der Graph soll abbilden, in welcher Höhe die Gesellschaft ihrer Meinung nach die Kosten für ein Lebensjahr mit vollständiger Gesundheit akzeptiert – abhängig vom Lebensalter der Person, für die die Kosten aufgewendet werden sollen.

Um verständlich zu machen, was mit „einem Lebensjahr mit vollständiger Gesundheit“ gemeint ist, haben wir noch die die Definition eines „Quality Adjusted Life Year“ (QALY) angegeben:

Definition: Quality Adjusted Life Year

Keine Frage, das fordert, das überfordert vielleicht sogar. Es ist auch moralisch zweifelhaft, ob man dazu in einem Mitmach-Raum, der so locker flockig daherkommt (dazu gleich mehr), auffordern darf. Mehr als einmal haben wir uns in der Vorbereitung an das Milgram-Experiment erinnert. Im Gegensatz zur Empathie-Wand gegenüber haben wir nichts vorgezeichnet.

Rechts von diesem Diagramm haben die Besucher die Möglichkeit abzustimmen, welche Elemente sie sich in einem Krankenhaus (verstärkt) wünschen würden:

Wünsch dir was – ein Bild aus der hektischen Schlussphase unserer Arbeit

Am Fenster gegenüber schreiben wir, sinnbildlich mit einem Blick „aus dem Krankenhaus heraus“ unsere Vorschläge an:

Der Blick nach „draußen“

Beim Betreten unseres Raumes werden die Gäste zunächst in den Vorraum links geführt:

Kabel-Vorhang und Start-Schild

Raumbeschreibung und Stiftebox

Herausgebrochene und bemalte Fliesen mit „Projekt Agora“

Und dann ist es soweit: das Festival beginnt am 6. Juli, fünf Minuten nachdem wir den letzten Buchstaben an die Wand geschrieben haben.

Es geht los…

Der Vorraum verselbständigt sich sehr schnell, weil die Besucher annehmen, nur dort sollen die Stifte zum Einsatz kommen…

Der „Vorraum“ nach den ersten Stunden

An den anderen Wänden passiert wenig bis gar nichts. Im Zweifel, ob das Konzept aufgeht, machen wir uns auf zur Chornacht und singen im Kulturzentrum K9 mit dem Spotlight Chor. In der ersten Pause kehren wir zurück und siehe da:

Nach ca. fünf Stunden…

…d.h. Freitag Abend gegen 21 Uhr

Wir sind glücklich, beseelt – und – überrascht, denn kreative Kräfte zeigen sich:

Zeichne einen Graphen

Ein Graph

Damit wird ein Aspekt deutlich, der uns ziemlich überrascht: die Kommunikation. An den Wänden und im Raum selbst kommen die Leute ins Gespräch.

Gemeinsam bekommt der Raum eine immer neue Gestalt:

Immer wieder ist es aber auch sehr still und nachdenklich

Menschen erzählen ihre Geschichte, persönlich und an den Wänden:

Feedback zur Abstimmung über gesundheitsfördernde Elemente im „idealen“ Krankenhaus

 

Der zweite Tag geht zu Ende, wir drehen eine kleine Runde:

Am Sonntag, dem letzten Tag, beginnen wir so langsam das Ausmaß zu begreifen, in welchem sich die Besucher bei uns eingebracht haben und weiterhin einbringen. Sie drücken sich aus, zeigen ihr Können oder wollen zum Nachdenken anregen:

Auch unsere Abstimmungswand mit den Steinen füllt sich immer mehr und auch hier zeigen sich kreative, lustige, aber auch sehr ernste Ergänzungen:

Außerdem stellen wir – und die anderen Aussteller auf unserem Flur – fest, dass die Farbigkeit nach und nach aus unserem Raum „herauströpfelt“:

Während des gesamten Sonntags übernehmen zunehmend die Kinder unseren Raum und es zeigt sich die Gleichzeitigkeit, die von Anfang Teil des Konzepts war: während die Erwachsenen auf ihrer „Ebene“, ihrer Augenhöhe, über Erwachsenen-Dinge nachdenken und sich damit auseinandersetzen, sind die Kinder am Boden und am unteren Rand der Wände mit dem gleichen Ernst bei der Sache.

Manche Kinder sind auch so clever, in den „Erwachsenen-Bereich“ einzudringen 🙂

Es ist Sonntagabend um kurz vor 18 Uhr und wir haben eben mal den Raum verlassen. Und wie beinahe jedes Mal, wenn wir zurück kommen, entdecken wir etwas Neues, so auch jetzt:

Immer wieder war unser Raum eine Überraschung, ein Ort der Kommunikation und ein Platz zum Nachdenken. Gerade so, und doch ein wenig anders, wie wir uns das vorgestellt hatten.

Wir danken von ganzem Herzen dem Organisationsteam Friedrich Haupt, Bert Binnig, Tim und Magdalena Schäfer, die so viel Mühe auf sich genommen und so tolle Künstler zusammengebracht haben.

Magdalena Schäfer, Friedrich Haupt, Bert Binnig (es fehlt: Tim Schäfer)

Es war ein integratives Projekt par excellence: Schulen und Kindergärten waren eingebunden, das Uniradio hat dokumentiert und berichtet und die ganze Stadt hat Abschied von „ihrem“ Krankenhaus nehmen können.

Die Künstlerin, die den größten Eindruck auf uns gemacht hat, war Stella Mangold. Drei Räume neben uns hat sie für Organspende geworben.

Stella Mangold bei der Gestaltung ihrer Installation

Die 13-jährige hat im April 2017 eine Spenderniere von ihrer Mutter erhalten und hat mit Eltern und Geschwistern die „Visite“ als Forum genutzt, um aufzuklären und zur Organspende zu motivieren. Der Einsatz ihrer Familie hat uns außerordentlich bewegt und nicht nur deren Engagement ist nicht hoch genug zu schätzen, sondern auch die Möglichkeit im Rahmen von „Visite“ eine Plattform für ihr Anliegen zu bekommen.

Wir wollen mit Projekt Agora an genau dieser Stelle weitermachen und dieser geballten Kreativität, diesem unbändigen Engagement und dieser mitreißenden Menschlichkeit in einer dauerhaften Institution eine Heimat geben.

Bevor wir Bilder vom finalen Zustand unseres Raumes zeigen, sind wir noch die Auswertung unserer Abstimmung schuldig 1 Die Wahlmöglichkeiten wurden, wie oben erwähnt, im Laufe des Wochenendes von den Besuchern erweitert. Deshalb sei, danke für den Hinweis an eine Besucherin, darauf hingewiesen, dass die volle Laufzeit lediglich diese Elemente hatten: Lachen, Essensvielfalt, Kunst & Kultur, Frische Luft, Selbstbestimmter Tagesablauf, Alternative Heilmethoden, Spiel & Spaß:

Lachen467
Frische Luft401
Faire Bedingungen & gerechte Bezahlung für das Personal373
Alternative Heilmethoden304
Essensvielfalt291
Selbstbestimmter Tagesablauf287
Objektive, nicht von der Pharmaindustrie finanzierte Forschung & Heilungsempfehlungen mit dem Menschen im Fokus + nicht dem Profit166
Spiel & Spaß164
Kunst & Kultur145
Menschlichkeit107
Liederabend mit Roberto Blanco 🙂88
Liebe60
Evidenzbasierte Medizin (Basierend auf methodisch sauber durchgeführter klinischer Forschung)58
Platz! Für Betten, Patienten, Stühle für Besucher55
Thailand Höhlenrettung25
Gott11
Shima3
Ali1

Insgesamt wurden also 3006 Steine platziert. Wenn man annimmt, dass jeder Teilnehmer vier Steine platziert hat, haben ca. 10% aller Visite-Besucher dort abgestimmt.

Außerdem möchten wir all jenen anbieten, die sich so „nachhaltig“ für eins der Gitarrenkabel aus dem Vorhang interessiert haben: ihr könnt gerne einen Lötkolben ausleihen, um die Wackelkontakte zu beseitigen. 😉

Und zu allerletzt ein herzliches Dankeschön, dass ihr alles bemalt habt, nur unsere Liegen nicht…

Der Aufwachraum nach drei Tagen Kunstfest(ival) ViS!TE – Kunst vor dem Abriss. Wir sind wirklich überwältigt…

Ceci n’est pas une pipe 🙂

Anmerkungen   [ + ]

1. Die Wahlmöglichkeiten wurden, wie oben erwähnt, im Laufe des Wochenendes von den Besuchern erweitert. Deshalb sei, danke für den Hinweis an eine Besucherin, darauf hingewiesen, dass die volle Laufzeit lediglich diese Elemente hatten: Lachen, Essensvielfalt, Kunst & Kultur, Frische Luft, Selbstbestimmter Tagesablauf, Alternative Heilmethoden, Spiel & Spaß