Seniorengarten

Seniorengarten

„Seniorengarten“ ist eine parallele Wortbildung zu „Kindergarten“. Googlet man diesen Begriff, erweist sich diese Parallele allerdings schnell als krumm.

Es fällt auf, dass es sich um Angebote handelt, die sich unter anderem die Pflege der Senioren zur Aufgabe machen. Im traditionellen Kindergarten ist die Pflege allerdings nur ein kleiner Bestandteil des Angebots – wenn überhaupt. Außerdem ist der Kindergarten kein Ort dauerhaften Aufenthaltes, wie sich beispielsweise der Seniorengarten Mürwik bewirbt: „ein Wohnungsangebot für aktive Senioren.“

Vor diesem Hintergrund kann man feststellen, dass es sich beim Seniorengarten von Projekt Agora um eine echte Innovation handelt, die die Parallele zum Kindergarten wirklich rechtfertigt, weil hier auf temporäre sinnvolle Betätigung und Wertschätzung des eigenen Wirkens Wert gelegt wird – und zwar nicht erst von Personen, die der Pflege qua erfülltem Pflegegrad bedürfen, sondern aller Menschen, die nicht mehr im Beruf stehen, deren Kinder erwachsen sind, oder die sich überhaupt gerne in einer Gemeinschaft engagieren möchten. 1 Wir würden gerne keine Definition „der Älteren“ angeben, weil sich damit schon ein Grenzziehung ergibt, die wir eigentlich ablehnen. Aber für die Bewerbung unserer Ideen und der Verbesserung des sozialen status quo können wir auf diese sprachliche Krücke leider nicht verzichten.

Die Bewohner aller industrialisierten Staaten werden immer älter und die Gesellschaften der westlichen Industriestaaten schrumpfen, weil weniger Kinder geboren werden. Dadurch wird der Median des Lebensalter immer höher. Sehen wir uns die prognostizierte Altersverteilung in Deutschland an:

Anteil der jeweiligen Altersjahre in Prozent der Gesamtbevölkerung (Datengrundlage: Statistisches Bundesamt) 2 Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Die demographische Lage der Nation

2050 wird also ungefähr die Hälfte der Gesellschaft älter als 50 Jahre alt sein.

Das ist eine Gesellschaft, die fast nichts mehr mit der heutigen zu tun haben wird. Sie wird noch über die gleichen Autobahnen und Eisenbahnschienen verfügen, aber ihre seelische Infrastruktur – die Beziehungen zwischen den Generationen – wird völlig verwandelt sein. 3 Frank Schirrmacher (2004): Das Methusalem-Komplott. S. 17

Die Anzahl der Geburten im Jahre 1964 wurde nie mehr übertroffen. Dieser Jahrgang wird um das Jahr 2024 in Rente gehen und dabei fit sein, wie nie zuvor in der Geschichte. Die Pensionäre brauchen (weit überwiegend) keine Pflege, sondern vor allem zwei Dinge: Sinnerfüllte Beschäftigung und – damit einhergehend – Wertschätzung. Wertschätzung für einen Nachkriegs-Lebenslauf mitsamt gelebter Demokratie, Emanzipationsbewegung, Wiedervereinigung und vielem mehr. Sie bedürfen aber auch der Anerkennung körperlicher Gebrechen und des Respektes für die geleistete Arbeit, sei es in Unternehmen oder Familie.

Dies gelingt unseres Erachtens am Besten durch:

  • Gemeinschaft mit jungen und nicht mehr so jungen Menschen
  • Geistige Anregung
  • Künstlerischen Ausdruck
  • Bewegungsangebot
  • uvm.

Im Rahmen der Agora Akademie kann man sich zum Beispiel Alt lehrt jung, jung lehrt alt-Kurse denken. Die gemeinsame Organisation von Ausstellungen ist ebenfalls gut vorstellbar. Natürlich ist auch das Hören (und das Tanzen zu) liebgewonnener Musik ein Genuss. Nicht zuletzt sind ganz bestimmt auch viele Geschichten und Erlebnisse in Form von Vorträgen hörenswert.

Zukünftig werden ältere Menschen aufgrund steigender Scheidungszahlen und verringerter Kinderzahlen weniger nahe Verwandte haben als die Alten von heute. Absehbar ist eine wachsende Zahl alter ›Singles‹ ohne unmittelbare Angehörige. Ihnen bleiben, wenn sie im Alter zu Pflegefällen werden, nur drei Möglichkeiten: das Heim, mobile Pflege- und Sozialdienste oder der Aufbaue eines tragfähigen sozialen Netzes, das die Familie ersetzen kann. 4 Schimany zitiert nach Frank Schirrmacher (2004) Das Methusalem-Komplott. S. 115

Schimany und Schirrmacher plädieren dafür, dass die heute 20- bis 50-jährigen ihr eigenes Altern in die Hand nehmen und für einen Paradigmenwechsel sorgen (das ist mit „Komplott“ im Titel des Buches gemeint 5 In Schirrmachers Worten: „Das Methusalem-Komplott der Alten gegen die Ideologie der Jungen kann nur ein einziges Ergebnis haben: Möglichkeiten der Freiheit zu schaffen, Entscheidungsräume der freien selbstbestimmten Wahl zu öffnen, und zwar dort, wo sie dem Menschen in atemberaubender Weise geraubt werden: in seinem Altern. (S. 82)). Alte sind nicht zwingend langsam, stumpf, unkreativ und konsumierend, nein, in Alten steckt ungeheures Potential, das die jugendzentrierte Gesellschaft einfach so vergeudet. Beispiele gefällig?

Picasso erstellte 87-jährig seine Serie von Radierungen Maler und Modell mit 347 Blättern. Konrad Adenauer wurde mit 85 Jahren zum vierten Mal zum Bundeskanzler gewählt. Alexander von Humboldt beendete mit 88 Jahren die Arbeit an seinem fünfbändigen Kosmos. Und Michelangelo ging in diesem Alter noch ans Werk der Pietà Rondanini.  6 http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/warum-unternehmen-auf-aeltere-mitarbeiter-setzen-sollten-a-826077.html

Agora will an dieser Mentalitätsveränderung mitwirken und gleichzeitig für die sozialen Bande sorgen, die Menschen nicht so schnell auf ein Heim oder mobile Pflege angewiesen sein lassen. 7 Zur Verdeutlichung sei gesagt: Agora will kein Pflegeheim sein, sondern etwas bisher unbekanntes, eben ein Seniorengarten, der Menschen sinnvoll beschäftigt, gemeinsam Projekte umsetzt, die lokale Wirtschaft unterstützt, aber natürlich kein Lieferant billiger Arbeitskräfte ist. Nicht nur die sozialen Verbindungen, sondern auch die Selbstwahrnehmung des Einzelnen, stehen im Fokus unseres Projektes. Die Sozialforscher J. Rodin und E. Langer beschrieben, „dass die negative Besetzung und Stigmatisierung des Alters tatsächlich zu den negativen Stereotypen und Handlungen führt: Verlust des Selbstbewusstseins, Kontrollverlust, Reduzierung der Kreativität und Denkleistung.“ 8 Frank Schirrmacher (2004): Das Methusalem-Komplott. S. 100. Es handelt sich also um eine Art self-fulfilling prophecy.

Kommt der Seniorengarten von Projekt Agora ganz ohne Vorbilder aus? Natürlich nicht. Diese Linksammlung zeigt einige tolle Angebote, die Ideen für Projekt liefern könnten:


Beitragsbild: © Samo Trebizan/ fotolia

Anmerkungen   [ + ]

1. Wir würden gerne keine Definition „der Älteren“ angeben, weil sich damit schon ein Grenzziehung ergibt, die wir eigentlich ablehnen. Aber für die Bewerbung unserer Ideen und der Verbesserung des sozialen status quo können wir auf diese sprachliche Krücke leider nicht verzichten.
2. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Die demographische Lage der Nation
3. Frank Schirrmacher (2004): Das Methusalem-Komplott. S. 17
4. Schimany zitiert nach Frank Schirrmacher (2004) Das Methusalem-Komplott. S. 115
5. In Schirrmachers Worten: „Das Methusalem-Komplott der Alten gegen die Ideologie der Jungen kann nur ein einziges Ergebnis haben: Möglichkeiten der Freiheit zu schaffen, Entscheidungsräume der freien selbstbestimmten Wahl zu öffnen, und zwar dort, wo sie dem Menschen in atemberaubender Weise geraubt werden: in seinem Altern. (S. 82)
6. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/warum-unternehmen-auf-aeltere-mitarbeiter-setzen-sollten-a-826077.html
7. Zur Verdeutlichung sei gesagt: Agora will kein Pflegeheim sein, sondern etwas bisher unbekanntes, eben ein Seniorengarten, der Menschen sinnvoll beschäftigt, gemeinsam Projekte umsetzt, die lokale Wirtschaft unterstützt, aber natürlich kein Lieferant billiger Arbeitskräfte ist.
8. Frank Schirrmacher (2004): Das Methusalem-Komplott. S. 100