Nähe schaffen

Nähe schaffen

Die ganze Welt wird endotisch 1 Nicht meine Begriffsschöpfung, sondern Paulo Virilios., nichts ist mehr exotisch, weil wir das Universum in unseren Hosentaschen permanent mit uns herumtragen. Unsere Verbindung zur Welt ist oftmals eine durch Technik vermittelte. Der Computer verbindet uns mit unserem Bruder in Amerika und trennt uns gleichzeitig von ihm, weil wir ihn ja scheinbar ganz in unserer Nähe wissen, seine Sorgen kennen oder seine Wünsche ahnen – und uns in Folge dessen gar nicht mehr so nah auf ihn einlassen müssen – haben wir ja schon alles auf Facebook gelesen. 2 Und wer kennt es nicht, dieses Gefühl: „Hab ich das schon erzählt, oder weiß er das schon aus anderer Quelle?“, das uns im Erzählfluss blockiert, weil wir ja niemanden langweilen wollen?

In der Beziehung zu anderen Personen ist die Problematik der Trennung durch Technik gut nachvollziehbar, aber wie sieht es mit unserem eigenen Erleben aus? Wird dieses auch eingeschränkt oder ermöglichen uns gerade YouTube & Co. nie gekannte Einsichten in wing-suit Flüge, waghalsige Tierbegegnungen oder Umkleidekabinen der schwedischen Handball-Nationalmannschaft? Ist unser Leben nicht ungleich reicher durch diese Erfahrungen? Ja, sind es überhaupt „Erfahrungen“, die die Bezeichnung verdienen oder ist nur oberflächliches Wabern, das kaum etwas mit mir zu tun hat und nicht resonanz-fähig ist? Wann haben wir persönlich den letzten Berg bezwungen, ein Tier aufwachsen sehen oder in einer Gemeinschaft einen Wettkampf verloren oder gewonnen?

Vielleicht finden manche das eigene Leben langweilig 3 …und die Videos von Normalbürgern, die sich mit Actionkameras filmen sind ja wirklich urkomisch: https://www.youtube.com/watch?v=DLI6BnnILkY, aber das ist nicht das Problem. Durch die permanente Verfügbarkeit von Extremen, Vergleichen mit Außergewöhnlichem (insbesondere bei der Rezeption von Modelbusiness oder Pornografie 4 https://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article13473043/Was-macht-Pornografie-mit-unseren-Gehirnen.html) besteht die Gefahr erlernter Hilflosigkeit, Desensibilisierung und auch die Gefährdung des Sensoriums für das eigene Erleben (von der Reflexionsfähigkeit ganz zu schweigen). Blasiertheit 2.0 könnte man sagen. Um Georg Simmel ins Digitale zu übertragen, der Anfang des vergangenen Jahrhunderts so die Überforderung der Großstädter mit Verkehrslärm, ständigen Werbebotschaften und wachsenden Menschenmassen bezeichnete.

Wir machen ein Experiment: wie kommt uns das heute vor?

Ganz normal eigentlich, stellenweise sogar gemütlich. Eine – aus heutiger Sicht – kaum nachvollziehbare Beschreibung von Georg Simmel. Woran mag das liegen?

Technologie (egal ob es sich um Kommunikations- oder Transporttechnologie dreht) ist nicht per se gut oder schlecht, aber sie erfordert Kompetenz, die auch gerne Kulturtechnik genannt wird. Und wenn wir meinen, die sogenannten „Digital Natives“ hätten diese Kompetenz, weil sie spät genug geboren sind, täuschen wir uns gewaltig. Eine Studie des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel hält fest:

Die Jugendlichen fühlen sich kompetent am Computer, obwohl sie es nicht sind, und sind daher kaum motiviert, sich die nötige Unterstützung für […] den Kompetenzerwerb zu holen. 5 https://econtent.hogrefe.com/doi/full/10.1026/0049-8637/a000164

Gute Nachrichten für Fake-News, wenn man so will. Schlechte Nachrichten für die Berufschancen all jener, die Daddelei mit Digitalkompetenz verwechseln.

Hinzu kommt, dass die Auswirkungen von Isolation auf die „Digital Natives“ besonders deutlich sind und gravierende Folgen zeitigen, was Kathleen Harris von der University of North Carolina zu dieser Warnung veranlasst:

You worry about diseases when people are getting older, but the one thing is that young people are not as healthy as they appear – especially this cohort, because of the obesity epidemic.

Wir brauchen – neben gründlichem Nachdenken über Technologie – echte Nähe, echten Austausch, Berührung im körperlichen und seelischen Sinne.

Anmerkungen   [ + ]

1. Nicht meine Begriffsschöpfung, sondern Paulo Virilios.
2. Und wer kennt es nicht, dieses Gefühl: „Hab ich das schon erzählt, oder weiß er das schon aus anderer Quelle?“, das uns im Erzählfluss blockiert, weil wir ja niemanden langweilen wollen?
3. …und die Videos von Normalbürgern, die sich mit Actionkameras filmen sind ja wirklich urkomisch: https://www.youtube.com/watch?v=DLI6BnnILkY
4. https://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article13473043/Was-macht-Pornografie-mit-unseren-Gehirnen.html
5. https://econtent.hogrefe.com/doi/full/10.1026/0049-8637/a000164