Projekt Agora http://www.projekt-agora.de Ein Platz für Dinge, für die es noch keinen Ort gibt Wed, 18 Jul 2018 10:32:22 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.9.9 http://www.projekt-agora.de/wp-content/uploads/2016/01/cropped-Agora_Logo_klein-32x32.png Projekt Agora http://www.projekt-agora.de 32 32 Kunstfestival ViS!TE im alten Vincentius-Krankenhaus http://www.projekt-agora.de/allgemein/kunstfestival-viste-im-alten-vincentius-krankenhaus/ Tue, 17 Jul 2018 06:11:56 +0000 http://www.projekt-agora.de/?p=972 Unsere Teilnahme an „Visite“ hatte ihren Ursprung an einem spätwinterlichen Spieleabend bei Freunden. Kurz zuvor hatten wir, Miri und Simon, den Entschluss gefasst, Konstanz nun wirklich als dauerhaften Lebensmittelpunkt zu begreifen. In lockerer Runde erzählten wir von „Projekt Agora“ und...

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Unsere Teilnahme an „Visite“ hatte ihren Ursprung an einem spätwinterlichen Spieleabend bei Freunden. Kurz zuvor hatten wir, Miri und Simon, den Entschluss gefasst, Konstanz nun wirklich als dauerhaften Lebensmittelpunkt zu begreifen. In lockerer Runde erzählten wir von „Projekt Agora“ und dass wir von diesem Traum aufgrund des bestehenden Angebots sozialer und kultureller Initiativen und Institutionen in Konstanz nun wohl werden Abstand nehmen müssen. Doch unsere Ideen, oder zumindest das Leuchten in unseren Augen, riefen großes Interesse hervor, verbunden mit dem Vorschlag, wir mögen das doch einmal bei Freunden von Freunden beim „Jungen Forum Konstanz“ (JFK) vorstellen. Gesagt getan.

Wenig später stießen wir auch bei Marius Ullmann, Gaby Weiner und Co. vom JFK auf offene Ohren und einige Ideen zur Umsetzung. „Nimm doch mal mit Friedrich Haupt Kontakt auf. Der möchte im alten Krankenhaus ein Kunstprojekt durchführen, bevor es abgerissen wird.“, war einer der Kooperationsvorschläge. Nachdem wir in groben Zügen mögliche Beteiligungen an diesem Projekt durchdacht hatten, nahmen wir den Hörer in die Hand und es ergab sich ein vielversprechendes Telefonat, das unsererseits auch von ein wenig Nervosität geprägt war – würde man uns tatsächlich als „Künstler“ annehmen? Denn diesen Entschluss hatten wir gefasst: wir gestalten einen Raum, in dem wir die Institution Krankenhaus reflektieren, begreifen ihn als Forum für unsere Ideen und laden dort zum Nachdenken darüber ein, was uns selbst umtreibt.

Räume wahrnehmen, Orte beleben, Erinnerung teilen und dokumentieren, Freiraum nutzbar machen und Kreativität sichtbar werden lassen, einen Austausch initiieren und Menschen verbinden

Diese Ziele hatte sich das Kunstfestival „Visite“ gegeben, das von Friedrich Haupt zusammen mit Bert Binnig und den künstlerischen Leitern Tim und Magdalena Schäfer initiiert wurde. Das ist so nah an dem, was wir mit Projekt Agora verwirklichen wollen – da mussten wir einfach mitmachen!

Es vergingen einige Wochen, gespickt mit E-Mail Updates zum schwierigen Projektverlauf: das Gebäude war bereits vom Stromnetz getrennt, Fluchtwege mussten für ein Großereignis erst geschaffen werden, die Chipkarten der Schließanlage wurden bereits vernichtet – um nur einige Hürden zu nennen. Der Auftakt für die künstlerische Arbeit wurde mehrfach verschoben und am Ende blieben nur gut zwei Wochen für die Umsetzung. Beide Wochenenden während der Arbeitsphase waren bei uns bereits privat verplant – es war klar: das wird ein enges Ding werden, jetzt müssen wir unsere Projektmanagement-Kompetenz unter Beweis stellen.

Es geht los! Baustrom-Verteiler versorgen das Gebäude, eine mobile Rauchmeldeanlage wurde installiert und Fluchtwege definiert, der Künstlereingang hat ein eigenes Schloss und knapp 70 Künstler einen eigenen Schlüssel. Am 20. Juni, 15 Tage vor der Vernissage, holen wir unseren Schlüssel ab und nehmen tags darauf unseren Raum in Augenschein.

„Wachstation“ und „Aufwachraum“ – das passt schon mal hervorragend. Wir wollen einen Raum gestalten, der sich während des Wochenendes entwickelt und erst mit Hilfe des Publikums „fertig“ wird. Wir wollen die Funktionen, Eigenschaften und Wahrnehmungen eines Krankenhaus aus individueller und gesellschaftlicher Sicht reflektieren und deshalb steht schnell fest, dass wir an zwei gegenüberliegenden Wänden die beiden Pole: Individuum und Gesellschaft abbilden wollen.

Die „Empathiewand“ am Ende der Arbeitsphase

Auf dieser Seite wird man gefordert sein, sich in die Lage einer womöglich todbringenden Diagnose zu versetzen. Die Besucher werden aufgefordert die Geschichte zu erzählen. Wir erhoffen uns, dass am Ende des Wochenendes viele verschiedene Pfade, mutmachende Wendungen und überraschende Einsichten stehen; dass eine Diagnose erstmal nur eine Diagnose ist; und dass eine Krankheit auch gleichzeitig eine Heilung sein kann. Ob es gelingt?

Über die gegenüberliegende Wand haben wir uns lange den Kopf zerbrochen, über Formulierungen diskutiert und uns auch gefragt, ob man dergestalt provozieren darf. Wir zeichnen ein Diagramm an die Wand, in das die Besucher einen Graphen einzeichnen sollen. Der Graph soll abbilden, in welcher Höhe die Gesellschaft ihrer Meinung nach die Kosten für ein Lebensjahr mit vollständiger Gesundheit akzeptiert – abhängig vom Lebensalter der Person, für die die Kosten aufgewendet werden sollen.

Um verständlich zu machen, was mit „einem Lebensjahr mit vollständiger Gesundheit“ gemeint ist, haben wir noch die die Definition eines „Quality Adjusted Life Year“ (QALY) angegeben:

Definition: Quality Adjusted Life Year

Keine Frage, das fordert, das überfordert vielleicht sogar. Es ist auch moralisch zweifelhaft, ob man dazu in einem Mitmach-Raum, der so locker flockig daherkommt (dazu gleich mehr), auffordern darf. Mehr als einmal haben wir uns in der Vorbereitung an das Milgram-Experiment erinnert. Im Gegensatz zur Empathie-Wand gegenüber haben wir nichts vorgezeichnet.

Rechts von diesem Diagramm haben die Besucher die Möglichkeit abzustimmen, welche Elemente sie sich in einem Krankenhaus (verstärkt) wünschen würden:

Wünsch dir was – ein Bild aus der hektischen Schlussphase unserer Arbeit

Am Fenster gegenüber schreiben wir, sinnbildlich mit einem Blick „aus dem Krankenhaus heraus“ unsere Vorschläge an:

Der Blick nach „draußen“

Beim Betreten unseres Raumes werden die Gäste zunächst in den Vorraum links geführt:

Kabel-Vorhang und Start-Schild

Raumbeschreibung und Stiftebox

Herausgebrochene und bemalte Fliesen mit „Projekt Agora“

Und dann ist es soweit: das Festival beginnt am 6. Juli, fünf Minuten nachdem wir den letzten Buchstaben an die Wand geschrieben haben.

Es geht los…

Der Vorraum verselbständigt sich sehr schnell, weil die Besucher annehmen, nur dort sollen die Stifte zum Einsatz kommen…

Der „Vorraum“ nach den ersten Stunden

An den anderen Wänden passiert wenig bis gar nichts. Im Zweifel, ob das Konzept aufgeht, machen wir uns auf zur Chornacht und singen im Kulturzentrum K9 mit dem Spotlight Chor. In der ersten Pause kehren wir zurück und siehe da:

Nach ca. fünf Stunden…

…d.h. Freitag Abend gegen 21 Uhr

Wir sind glücklich, beseelt – und – überrascht, denn kreative Kräfte zeigen sich:

Zeichne einen Graphen

Ein Graph

Damit wird ein Aspekt deutlich, der uns ziemlich überrascht: die Kommunikation. An den Wänden und im Raum selbst kommen die Leute ins Gespräch.

Gemeinsam bekommt der Raum eine immer neue Gestalt:

Immer wieder ist es aber auch sehr still und nachdenklich

Menschen erzählen ihre Geschichte, persönlich und an den Wänden:

Feedback zur Abstimmung über gesundheitsfördernde Elemente im „idealen“ Krankenhaus

 

Der zweite Tag geht zu Ende, wir drehen eine kleine Runde:

Am Sonntag, dem letzten Tag, beginnen wir so langsam das Ausmaß zu begreifen, in welchem sich die Besucher bei uns eingebracht haben und weiterhin einbringen. Sie drücken sich aus, zeigen ihr Können oder wollen zum Nachdenken anregen:

Auch unsere Abstimmungswand mit den Steinen füllt sich immer mehr und auch hier zeigen sich kreative, lustige, aber auch sehr ernste Ergänzungen:

Außerdem stellen wir – und die anderen Aussteller auf unserem Flur – fest, dass die Farbigkeit nach und nach aus unserem Raum „herauströpfelt“:

Während des gesamten Sonntags übernehmen zunehmend die Kinder unseren Raum und es zeigt sich die Gleichzeitigkeit, die von Anfang Teil des Konzepts war: während die Erwachsenen auf ihrer „Ebene“, ihrer Augenhöhe, über Erwachsenen-Dinge nachdenken und sich damit auseinandersetzen, sind die Kinder am Boden und am unteren Rand der Wände mit dem gleichen Ernst bei der Sache.

Manche Kinder sind auch so clever, in den „Erwachsenen-Bereich“ einzudringen 🙂

Es ist Sonntagabend um kurz vor 18 Uhr und wir haben eben mal den Raum verlassen. Und wie beinahe jedes Mal, wenn wir zurück kommen, entdecken wir etwas Neues, so auch jetzt:

Immer wieder war unser Raum eine Überraschung, ein Ort der Kommunikation und ein Platz zum Nachdenken. Gerade so, und doch ein wenig anders, wie wir uns das vorgestellt hatten.

Wir danken von ganzem Herzen dem Organisationsteam Friedrich Haupt, Bert Binnig, Tim und Magdalena Schäfer, die so viel Mühe auf sich genommen und so tolle Künstler zusammengebracht haben.

Magdalena Schäfer, Friedrich Haupt, Bert Binnig (es fehlt: Tim Schäfer)

Es war ein integratives Projekt par excellence: Schulen und Kindergärten waren eingebunden, das Uniradio hat dokumentiert und berichtet und die ganze Stadt hat Abschied von „ihrem“ Krankenhaus nehmen können.

Die Künstlerin, die den größten Eindruck auf uns gemacht hat, war Stella Mangold. Drei Räume neben uns hat sie für Organspende geworben.

Stella Mangold bei der Gestaltung ihrer Installation

Die 13-jährige hat im April 2017 eine Spenderniere von ihrer Mutter erhalten und hat mit Eltern und Geschwistern die „Visite“ als Forum genutzt, um aufzuklären und zur Organspende zu motivieren. Der Einsatz ihrer Familie hat uns außerordentlich bewegt und nicht nur deren Engagement ist nicht hoch genug zu schätzen, sondern auch die Möglichkeit im Rahmen von „Visite“ eine Plattform für ihr Anliegen zu bekommen.

Wir wollen mit Projekt Agora an genau dieser Stelle weitermachen und dieser geballten Kreativität, diesem unbändigen Engagement und dieser mitreißenden Menschlichkeit in einer dauerhaften Institution eine Heimat geben.

Bevor wir Bilder vom finalen Zustand unseres Raumes zeigen, sind wir noch die Auswertung unserer Abstimmung schuldig 1 Die Wahlmöglichkeiten wurden, wie oben erwähnt, im Laufe des Wochenendes von den Besuchern erweitert. Deshalb sei, danke für den Hinweis an eine Besucherin, darauf hingewiesen, dass die volle Laufzeit lediglich diese Elemente hatten: Lachen, Essensvielfalt, Kunst & Kultur, Frische Luft, Selbstbestimmter Tagesablauf, Alternative Heilmethoden, Spiel & Spaß:

Lachen467
Frische Luft401
Faire Bedingungen & gerechte Bezahlung für das Personal373
Alternative Heilmethoden304
Essensvielfalt291
Selbstbestimmter Tagesablauf287
Objektive, nicht von der Pharmaindustrie finanzierte Forschung & Heilungsempfehlungen mit dem Menschen im Fokus + nicht dem Profit166
Spiel & Spaß164
Kunst & Kultur145
Menschlichkeit107
Liederabend mit Roberto Blanco 🙂88
Liebe60
Evidenzbasierte Medizin (Basierend auf methodisch sauber durchgeführter klinischer Forschung)58
Platz! Für Betten, Patienten, Stühle für Besucher55
Thailand Höhlenrettung25
Gott11
Shima3
Ali1

Insgesamt wurden also 3006 Steine platziert. Wenn man annimmt, dass jeder Teilnehmer vier Steine platziert hat, haben ca. 10% aller Visite-Besucher dort abgestimmt.

Außerdem möchten wir all jenen anbieten, die sich so „nachhaltig“ für eins der Gitarrenkabel aus dem Vorhang interessiert haben: ihr könnt gerne einen Lötkolben ausleihen, um die Wackelkontakte zu beseitigen. 😉

Und zu allerletzt ein herzliches Dankeschön, dass ihr alles bemalt habt, nur unsere Liegen nicht…

Der Aufwachraum nach drei Tagen Kunstfest(ival) ViS!TE – Kunst vor dem Abriss. Wir sind wirklich überwältigt…

Ceci n’est pas une pipe 🙂

Anmerkungen   [ + ]

1. Die Wahlmöglichkeiten wurden, wie oben erwähnt, im Laufe des Wochenendes von den Besuchern erweitert. Deshalb sei, danke für den Hinweis an eine Besucherin, darauf hingewiesen, dass die volle Laufzeit lediglich diese Elemente hatten: Lachen, Essensvielfalt, Kunst & Kultur, Frische Luft, Selbstbestimmter Tagesablauf, Alternative Heilmethoden, Spiel & Spaß

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In Konstanz? http://www.projekt-agora.de/allgemein/in-konstanz/ Fri, 18 May 2018 11:35:34 +0000 http://www.projekt-agora.de/?p=943 Seit wir uns im Dezember 2017 dazu entschlossen haben, unser privates und berufliches Glück nun dauerhaft in Konstanz zu suchen – auf die Gefahr hin Projekt Agora damit abkühlen zu lassen – haben sich erstaunliche Anknüpfungspunkte, viele interessante Bekanntschaften und...

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Seit wir uns im Dezember 2017 dazu entschlossen haben, unser privates und berufliches Glück nun dauerhaft in Konstanz zu suchen – auf die Gefahr hin Projekt Agora damit abkühlen zu lassen – haben sich erstaunliche Anknüpfungspunkte, viele interessante Bekanntschaften und echte Chancen ergeben.

Hafner

Am Hafner soll ein neues Quartier mit mehr als 2.500 Wohneinheiten entstehen. Und mittendrin: wir. Das wäre ein Traum, den wir aber nicht vor 2025 erfüllen können. Ab dann soll dort gebaut werden, am besten gleich unter städtebaulicher Berücksichtigung unserer Synergie-Überlegungen zu „alt“ und „jung“, „Arbeit“ und „Freizeit“, „Alltag“ und „Außergewöhnlichem“. Ins Gespräch gebracht haben wir uns vorsorglich schon einmal, wie bei der letzten Dialogveranstaltungen für alle ersichtlich war:

Mehr zu Heimat Hafner auf der Homepage der Stadt Konstanz

Baugemeinschaften

Konstanz wirbt um junge Familien, die das wirtschaftliche und soziale Leben der Stadt langfristig stützen. Sind wir da nicht ziemlich exakt die Zielgruppe? Die Stadt unterstützt Baugemeinschaften bei ihren Wünschen individuellen und sozial orientierten Wohn- bzw. Lebensraum zu schaffen. Werden Flächen zur Bebauung durch eine Baugemeinschaft ausgeschrieben, folgt ein Bewerbungsprozess, bei dem Ideen honoriert werden, die einen Mehrwert für das gesamte Quartier erzeugen. Haben wir dafür nicht die richtigen Ideen? Wir haben Kontakt mit bestehenden Baugemeinschaften aufgenommen und könnten uns auch vorstellen, selbst eine ins Leben zu rufen. Eine interessante, zukünftig zu bebauende, Fläche wäre das ehemalige Siemens Areal an der Bücklestraße.

KINA – Konstanzer Innovationsareal

Nicht nur Baugemeinschaften interessieren sich für das 70.000 m² große Areal, dessen Erschließung bald beginnen soll. Einige Gebäude stehen unter Denkmalschutz und könnten die Heimat des Konstanzer Innovationsareals werden. Dort sollen neben Unternehmen und Gründern auch Austausch, Kultur und Gemeinschaft gefördert werden. Mit unseren Gedanken sozialer Nachhaltigkeit treffen wir dort auf offene und mutige Menschen, die trotzdem – oder gerade weil – sie Unternehmer sind, erkennen, dass es „ohne wir, kein ich“ gibt. Deshalb unterstützen Sie unsere Declaration of INTERdependence und möglicherweise vereinigt sich Projekt Agora mit KINA, mit Petershausen-West, mit Konstanz und der Bodenseeregion.

Kunst und Musik bis auf Weiteres

In nächster Zeit wird man uns voraussichtlich bei „ViS!TE- Kunst vor dem Abriss findet statt!“ im ehemaligen Vincentius-Krankenhaus sehen können. Ganz gewiss aber im Oktober, wenn wir als Musical Director und Chorsängerin bei einem Gastspiel im Stadttheater agieren werden: zusammen mit dem Spotlight Chor, dem Da Capo Salonorchester und einer Rock-Band senden wir Liebesgrüße aus Konstanz, eine James Bond Revue für den guten Zweck.

Möglicherweise sehen wir uns aber auch schon vorher, irgendwo, wo’s lebt.

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Die Agora im Jahreslauf http://www.projekt-agora.de/in-der-agora/die-agora-im-jahreslauf/ Sun, 15 Apr 2018 14:50:52 +0000 http://www.projekt-agora.de/?p=335 Mit diesem Beitrag wollen wir etwas die Phantasie ankurbeln und beschreiben, wie ein Jahr in der Agora ablaufen könnte. Januar Wir fegen gerade die Reste der Silvester-Party zusammen, als IT-Systembetreuer Helmut („Irgendwann ist auch mal genug mit Familie.“) um die...

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Mit diesem Beitrag wollen wir etwas die Phantasie ankurbeln und beschreiben, wie ein Jahr in der Agora ablaufen könnte.

Januar

Wir fegen gerade die Reste der Silvester-Party zusammen, als IT-Systembetreuer Helmut („Irgendwann ist auch mal genug mit Familie.“) um die Ecke kommt. Er nutzt die ruhige erste Januarwoche im Co-Working Space für einige Erneuerungsarbeiten am Agora-System (wir werden heuer neue Zahlmöglichkeiten über Smartphone oder Chipkarten einführen, um pay-what-you-want Modelle auch digital abrechnen zu können). Außerdem arbeitet er natürlich auch für sein eigenes Unternehmen.

Auf der Freifläche nutzen Familien und Jugendliche die Möglichkeit zum Eislaufen und kommen ins Agora Café, um sich bei Tee und Suppe aufzuwärmen.

Februar

Mit riesigen Schritten naht die Fasnacht bzw. der Fasching (je nachdem, wo Agora in Süddeutschland Realität wird) und der Seniorengarten hat sich längst darauf eingestellt: im Foyer kann man eine Ausstellung besichtigen, wie in den Nachkriegsjahren die „fünfte Jahreszeit“ gefeiert wurde. Ein Vortragsabend präsentiert die persönlichen Erfahrungen der Agora-Aktiven, die diese während ihrer Zeit in Villingen-Schwenningen, Köln und Rio de Janeiro sammeln konnten. Selbstverständlich setzt auch die Textilwerkstatt die letzten Nähte und Applikationen an die Kostüme, Thema heuer: der Olymp.

Für alle Nicht-Narren (und natürlich auch für diese) steht eine Tradition im Kalender, die heute gerne als „amerikanische“ verschrieen wird: der Valentinstag. Dass dem nicht vollständig so ist, erfahren wir von Historiker Julius Dolpp, der die Ursprünge des Valentinbrauchs bis ins englische Spätmittelalter zurückverfolgt. Selbstverständlich steht am 14.2. die passende Band auf der Bühne, um im besonders bestuhlten Saal das „Dinner-for-two“ stilvoll ausklingen zu lassen.

März

Rau weicht dem Tau. Die ersten Vorboten des Frühlings locken uns nach draußen. Der Themenmonat „Survival“ beginnt. Philipp Schönthaler zeichnet die Ursprünge des Survival (u.a. das selbstzerstörerische Potential der Zivilisation seit den 70er Jahren; Waldsterben, Atomkraft, etc.) in einer Lesung nach. Im Verlauf des Nachmittags hat er bereits mit Schülern darüber diskutiert, inwiefern beim Survival und das damit verbundene Zurückgeworfensein auf die eigene Leiblichkeit und Existenz etwas mit Natürlichkeit im eigentlichen Sinne zu tun hat.

Konzert-Highlight im März und jemand der den und den der Blues nicht nur am Leben hält, sondern liebt: Thilo Copperfield

April

Drei Feste der sogenannten „abrahamitschen Religionen“ fallen (zumindest teilweise) in diesen Monat und was liegt näher, als daraus einen Themenmonat zu machen? Die Merkmale von Pessach, Ostern und Ramadan werden in Vorträgen dargestellt, der Seniorengarten setzt sich mit den traditionellen Speisen auseinander und Schüler vergleichen die unterschiedlichen Terminkonstellationen.

Das mit diesen religiösen Hochfesten zusammenhängende Fasten auf den Themenmonat „Survival“ zu übertragen ist uns ein gutes Stück zu banal und profan. Aber auch ohne diesen künstlichen Zusammenhang, wird der Monat April mit Vorträgen und Workshops zu Ernährung und Diätik abgerundet.

Mai

Der Poetry Slam steht ganz im Zeichen des Mai-Gedichts. Wie wird der Wonnemonat zeitgenössisch dargestellt? Wo sind Parallelen zu Lyrik aus der Vergangenheit?

Selbstverständlich „tanzen wir in den Mai“, verwenden das aber nicht als bloßes Partymotto, sondern verbinden das mit einer lokalen Volkstanzgruppe, die traditionelle Tänze vorführt. Möglicherweise mit fachkundiger Vorstellung unterschiedlicher Stile in unterschiedlichen Kulturen und Zeiten.

Juni

Juni und Juli umfassen die Themenmonate zum „Nationalismus“ mit dessen historischer Entwicklung und seinem gegenwärtigen Erbe. Auch in Antizipation der anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft in Grönland (die FIFA hat aus den Hitzeschlachten in Qatar gelernt).

Juli

Ende Juli hat sie bereits begonnen, jetzt geht die Fußball-Weltmeisterschaft in die heiße Phase und in der Agora kommen Fußball-Fans und sonstige Interessierte zum Open-Air Spektakel zusammen. Ob man das nun als Stadionstimmung bezeichnen mag oder sich einfach daran erfreut, sich keine Sorgen über die Bewirtung machen zu müssen, sei dahingestellt. In jedem Fall kommt die (von Union Berlin geklaute) Idee gut, sein eigenes Sofa, seinen Stuhl oder seine Decke mitzubringen. Ein anschließender Flohmarkt beschert dem ein oder anderen Studenten ein neues Möbelstück und schafft Platz in den Kellern der Agora-Community.

Die Open-Air-Bühne, die für das Public Viewing geschaffen wurde, wird auch für einen lokalen Band-Contest genutzt.

August

Der Wahlkampf ist in vollem Gange und deshalb widmen sich die beiden nächsten Monate dem Thema „Medien“, genauer gesagt: Massenmedien, auch wenn diese scheinbar recht individuell daher kommen (Social Media). Neben Vorträgen („Wie relevant ist das Fernsehen 2018? Für Werbetreibende, Soziologen und auf staatliche Unterstützung Angewiesene“), Lesungen und Filmen, wird auch ein eigenes Medienprojekt ins Leben gerufen: Das Agora Radio widmet sich „radikal lokal“ den örtlichen Themen und wird natürlich auch von Jung und Alt betrieben und gestaltet.

September

Im Vorfeld zur anstehenden Bundestagswahl finden auch in der Agora Treffen von Politikern und Bürgern, moderierte Fragerunden und Schülerprojekte („Wir lesen Wahlprogramme.“) statt.

Möglicherweise haben wir für den Wahlkampf bereits ein solches aufgestellt, um dem natürlichen Lebensraum des ein oder anderen Politikers in dieser Jahreszeit möglichst nahe zu kommen und ihn in die Agora zu locken: ein Bierzelt. Das lässt sich natürlich auch hervorragend nutzen für ein Fete de la bière, das mit dem Vorbild aus München nicht mehr viel zu tun hat: es gibt lokales Bier, lokale Musik, regionales Essen und Menschen aus der Nachbarschaft.

Oktober

Bei goldenem Herbstwetter starten wir in die beiden Themenmonate „Vom Anfang und vom Ende – Geburt und Tod“. Wir hören Vorträge über Palliativmedizin und Geriatrie, aber auch über Entwicklungspsychologie und Hausgeburten.

Der Seniorengarten hat sich zu einer herbstlichen Wanderung verabredet und bastelt anschließend Kastanienmännchen mit Kinder und anderen Bastelfreunden. Daraus wird die Deko für das Restaurant.

November

Die Tage werden immer kürzer und wir fragen uns: wie war die dunkle Jahreszeit eigentlich in vorelektronischer Zeit? Es gibt Vorträge (und Diskussionen mit Lehrern) zum Thema: „Was macht Licht mit unserem Rhythmus?“ Endlich kommt auch unser Musical-Projekt „senza electronica“ zur Aufführung. Ohne elektronische Instrumente, ja noch nicht einmal mit Mikrofonierung und Verstärkeranlage. Sogar die Soundeffekte sind analog.

Dezember

Es ist Barbara-Tag. Die erfahrenen Mitglieder des Seniorengartens organisieren einen Spaziergang zu Obstbäumen und schneiden gemeinsam mit allen Teilnehmern die Barbarazweige, deren Knospen sich bei Zimmertemperatur bis zum Weihnachtstag öffnen. Nicht nur ein Adventskalender kann die Zeit bis zum Weihnachtsfest visualisieren. Immer sonntags treffen wir uns außerdem zum gemeinsamen Adventssingen. Auf der Freifläche findet der alljährliche Weihnachtsmarkt statt. Wie immer wird großer Wert auf die Regionalität der Ständebetreiber und die Nachhaltigkeit der Angebote gelegt.

Und dann ist auch schon wieder Silvester…

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Nähe schaffen http://www.projekt-agora.de/durch-die-agora/naehe-schaffen/ Tue, 20 Mar 2018 22:50:52 +0000 http://www.projekt-agora.de/?p=288 Die ganze Welt wird endotisch 1 Nicht meine Begriffsschöpfung, sondern Paulo Virilios., nichts ist mehr exotisch, weil wir das Universum in unseren Hosentaschen permanent mit uns herumtragen. Unsere Verbindung zur Welt ist oftmals eine durch Technik vermittelte. Der Computer verbindet...

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Die ganze Welt wird endotisch 1 Nicht meine Begriffsschöpfung, sondern Paulo Virilios., nichts ist mehr exotisch, weil wir das Universum in unseren Hosentaschen permanent mit uns herumtragen. Unsere Verbindung zur Welt ist oftmals eine durch Technik vermittelte. Der Computer verbindet uns mit unserem Bruder in Amerika und trennt uns gleichzeitig von ihm, weil wir ihn ja scheinbar ganz in unserer Nähe wissen, seine Sorgen kennen oder seine Wünsche ahnen – und uns in Folge dessen gar nicht mehr so nah auf ihn einlassen müssen – haben wir ja schon alles auf Facebook gelesen. 2 Und wer kennt es nicht, dieses Gefühl: „Hab ich das schon erzählt, oder weiß er das schon aus anderer Quelle?“, das uns im Erzählfluss blockiert, weil wir ja niemanden langweilen wollen?

In der Beziehung zu anderen Personen ist die Problematik der Trennung durch Technik gut nachvollziehbar, aber wie sieht es mit unserem eigenen Erleben aus? Wird dieses auch eingeschränkt oder ermöglichen uns gerade YouTube & Co. nie gekannte Einsichten in wing-suit Flüge, waghalsige Tierbegegnungen oder Umkleidekabinen der schwedischen Handball-Nationalmannschaft? Ist unser Leben nicht ungleich reicher durch diese Erfahrungen? Ja, sind es überhaupt „Erfahrungen“, die die Bezeichnung verdienen oder ist nur oberflächliches Wabern, das kaum etwas mit mir zu tun hat und nicht resonanz-fähig ist? Wann haben wir persönlich den letzten Berg bezwungen, ein Tier aufwachsen sehen oder in einer Gemeinschaft einen Wettkampf verloren oder gewonnen?

Vielleicht finden manche das eigene Leben langweilig 3 …und die Videos von Normalbürgern, die sich mit Actionkameras filmen sind ja wirklich urkomisch: https://www.youtube.com/watch?v=DLI6BnnILkY, aber das ist nicht das Problem. Durch die permanente Verfügbarkeit von Extremen, Vergleichen mit Außergewöhnlichem (insbesondere bei der Rezeption von Modelbusiness oder Pornografie 4 https://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article13473043/Was-macht-Pornografie-mit-unseren-Gehirnen.html) besteht die Gefahr erlernter Hilflosigkeit, Desensibilisierung und auch die Gefährdung des Sensoriums für das eigene Erleben (von der Reflexionsfähigkeit ganz zu schweigen). Blasiertheit 2.0 könnte man sagen. Um Georg Simmel ins Digitale zu übertragen, der Anfang des vergangenen Jahrhunderts so die Überforderung der Großstädter mit Verkehrslärm, ständigen Werbebotschaften und wachsenden Menschenmassen bezeichnete.

Wir machen ein Experiment: wie kommt uns das heute vor?

Ganz normal eigentlich, stellenweise sogar gemütlich. Eine – aus heutiger Sicht – kaum nachvollziehbare Beschreibung von Georg Simmel. Woran mag das liegen?

Technologie (egal ob es sich um Kommunikations- oder Transporttechnologie dreht) ist nicht per se gut oder schlecht, aber sie erfordert Kompetenz, die auch gerne Kulturtechnik genannt wird. Und wenn wir meinen, die sogenannten „Digital Natives“ hätten diese Kompetenz, weil sie spät genug geboren sind, täuschen wir uns gewaltig. Eine Studie des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel hält fest:

Die Jugendlichen fühlen sich kompetent am Computer, obwohl sie es nicht sind, und sind daher kaum motiviert, sich die nötige Unterstützung für […] den Kompetenzerwerb zu holen. 5 https://econtent.hogrefe.com/doi/full/10.1026/0049-8637/a000164

Gute Nachrichten für Fake-News, wenn man so will. Schlechte Nachrichten für die Berufschancen all jener, die Daddelei mit Digitalkompetenz verwechseln.

Hinzu kommt, dass die Auswirkungen von Isolation auf die „Digital Natives“ besonders deutlich sind und gravierende Folgen zeitigen, was Kathleen Harris von der University of North Carolina zu dieser Warnung veranlasst:

You worry about diseases when people are getting older, but the one thing is that young people are not as healthy as they appear – especially this cohort, because of the obesity epidemic.

Wir brauchen – neben gründlichem Nachdenken über Technologie – echte Nähe, echten Austausch, Berührung im körperlichen und seelischen Sinne.

Anmerkungen   [ + ]

1. Nicht meine Begriffsschöpfung, sondern Paulo Virilios.
2. Und wer kennt es nicht, dieses Gefühl: „Hab ich das schon erzählt, oder weiß er das schon aus anderer Quelle?“, das uns im Erzählfluss blockiert, weil wir ja niemanden langweilen wollen?
3. …und die Videos von Normalbürgern, die sich mit Actionkameras filmen sind ja wirklich urkomisch: https://www.youtube.com/watch?v=DLI6BnnILkY
4. https://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article13473043/Was-macht-Pornografie-mit-unseren-Gehirnen.html
5. https://econtent.hogrefe.com/doi/full/10.1026/0049-8637/a000164

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Seniorengarten http://www.projekt-agora.de/allgemein/seniorengarten/ Wed, 10 Jan 2018 07:10:56 +0000 http://www.projekt-agora.de/?p=87 „Seniorengarten“ ist eine parallele Wortbildung zu „Kindergarten“. Googlet man diesen Begriff, erweist sich diese Parallele allerdings schnell als krumm.  „Erfolgreiche Pflege und Betreuung“ wirbt der Seniorengarten Seehausen. Der Seniorengarten Hagen ist eine „Tagespflegestätte, in der  hilfs- und pflegebedürftige Menschen als Gäste willkommen sind.“ Es...

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„Seniorengarten“ ist eine parallele Wortbildung zu „Kindergarten“. Googlet man diesen Begriff, erweist sich diese Parallele allerdings schnell als krumm.

Es fällt auf, dass es sich um Angebote handelt, die sich unter anderem die Pflege der Senioren zur Aufgabe machen. Im traditionellen Kindergarten ist die Pflege allerdings nur ein kleiner Bestandteil des Angebots – wenn überhaupt. Außerdem ist der Kindergarten kein Ort dauerhaften Aufenthaltes, wie sich beispielsweise der Seniorengarten Mürwik bewirbt: „ein Wohnungsangebot für aktive Senioren.“

Vor diesem Hintergrund kann man feststellen, dass es sich beim Seniorengarten von Projekt Agora um eine echte Innovation handelt, die die Parallele zum Kindergarten wirklich rechtfertigt, weil hier auf temporäre sinnvolle Betätigung und Wertschätzung des eigenen Wirkens Wert gelegt wird – und zwar nicht erst von Personen, die der Pflege qua erfülltem Pflegegrad bedürfen, sondern aller Menschen, die nicht mehr im Beruf stehen, deren Kinder erwachsen sind, oder die sich überhaupt gerne in einer Gemeinschaft engagieren möchten. 1 Wir würden gerne keine Definition „der Älteren“ angeben, weil sich damit schon ein Grenzziehung ergibt, die wir eigentlich ablehnen. Aber für die Bewerbung unserer Ideen und der Verbesserung des sozialen status quo können wir auf diese sprachliche Krücke leider nicht verzichten.

Die Bewohner aller industrialisierten Staaten werden immer älter und die Gesellschaften der westlichen Industriestaaten schrumpfen, weil weniger Kinder geboren werden. Dadurch wird der Median des Lebensalter immer höher. Sehen wir uns die prognostizierte Altersverteilung in Deutschland an:

Anteil der jeweiligen Altersjahre in Prozent der Gesamtbevölkerung (Datengrundlage: Statistisches Bundesamt) 2 Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Die demographische Lage der Nation

2050 wird also ungefähr die Hälfte der Gesellschaft älter als 50 Jahre alt sein.

Das ist eine Gesellschaft, die fast nichts mehr mit der heutigen zu tun haben wird. Sie wird noch über die gleichen Autobahnen und Eisenbahnschienen verfügen, aber ihre seelische Infrastruktur – die Beziehungen zwischen den Generationen – wird völlig verwandelt sein. 3 Frank Schirrmacher (2004): Das Methusalem-Komplott. S. 17

Die Anzahl der Geburten im Jahre 1964 wurde nie mehr übertroffen. Dieser Jahrgang wird um das Jahr 2024 in Rente gehen und dabei fit sein, wie nie zuvor in der Geschichte. Die Pensionäre brauchen (weit überwiegend) keine Pflege, sondern vor allem zwei Dinge: Sinnerfüllte Beschäftigung und – damit einhergehend – Wertschätzung. Wertschätzung für einen Nachkriegs-Lebenslauf mitsamt gelebter Demokratie, Emanzipationsbewegung, Wiedervereinigung und vielem mehr. Sie bedürfen aber auch der Anerkennung körperlicher Gebrechen und des Respektes für die geleistete Arbeit, sei es in Unternehmen oder Familie.

Dies gelingt unseres Erachtens am Besten durch:

  • Gemeinschaft mit jungen und nicht mehr so jungen Menschen
  • Geistige Anregung
  • Künstlerischen Ausdruck
  • Bewegungsangebot
  • uvm.

Im Rahmen der Agora Akademie kann man sich zum Beispiel Alt lehrt jung, jung lehrt alt-Kurse denken. Die gemeinsame Organisation von Ausstellungen ist ebenfalls gut vorstellbar. Natürlich ist auch das Hören (und das Tanzen zu) liebgewonnener Musik ein Genuss. Nicht zuletzt sind ganz bestimmt auch viele Geschichten und Erlebnisse in Form von Vorträgen hörenswert.

Zukünftig werden ältere Menschen aufgrund steigender Scheidungszahlen und verringerter Kinderzahlen weniger nahe Verwandte haben als die Alten von heute. Absehbar ist eine wachsende Zahl alter ›Singles‹ ohne unmittelbare Angehörige. Ihnen bleiben, wenn sie im Alter zu Pflegefällen werden, nur drei Möglichkeiten: das Heim, mobile Pflege- und Sozialdienste oder der Aufbaue eines tragfähigen sozialen Netzes, das die Familie ersetzen kann. 4 Schimany zitiert nach Frank Schirrmacher (2004) Das Methusalem-Komplott. S. 115

Schimany und Schirrmacher plädieren dafür, dass die heute 20- bis 50-jährigen ihr eigenes Altern in die Hand nehmen und für einen Paradigmenwechsel sorgen (das ist mit „Komplott“ im Titel des Buches gemeint 5 In Schirrmachers Worten: „Das Methusalem-Komplott der Alten gegen die Ideologie der Jungen kann nur ein einziges Ergebnis haben: Möglichkeiten der Freiheit zu schaffen, Entscheidungsräume der freien selbstbestimmten Wahl zu öffnen, und zwar dort, wo sie dem Menschen in atemberaubender Weise geraubt werden: in seinem Altern. (S. 82)). Alte sind nicht zwingend langsam, stumpf, unkreativ und konsumierend, nein, in Alten steckt ungeheures Potential, das die jugendzentrierte Gesellschaft einfach so vergeudet. Beispiele gefällig?

Picasso erstellte 87-jährig seine Serie von Radierungen Maler und Modell mit 347 Blättern. Konrad Adenauer wurde mit 85 Jahren zum vierten Mal zum Bundeskanzler gewählt. Alexander von Humboldt beendete mit 88 Jahren die Arbeit an seinem fünfbändigen Kosmos. Und Michelangelo ging in diesem Alter noch ans Werk der Pietà Rondanini.  6 http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/warum-unternehmen-auf-aeltere-mitarbeiter-setzen-sollten-a-826077.html

Agora will an dieser Mentalitätsveränderung mitwirken und gleichzeitig für die sozialen Bande sorgen, die Menschen nicht so schnell auf ein Heim oder mobile Pflege angewiesen sein lassen. 7 Zur Verdeutlichung sei gesagt: Agora will kein Pflegeheim sein, sondern etwas bisher unbekanntes, eben ein Seniorengarten, der Menschen sinnvoll beschäftigt, gemeinsam Projekte umsetzt, die lokale Wirtschaft unterstützt, aber natürlich kein Lieferant billiger Arbeitskräfte ist. Nicht nur die sozialen Verbindungen, sondern auch die Selbstwahrnehmung des Einzelnen, stehen im Fokus unseres Projektes. Die Sozialforscher J. Rodin und E. Langer beschrieben, „dass die negative Besetzung und Stigmatisierung des Alters tatsächlich zu den negativen Stereotypen und Handlungen führt: Verlust des Selbstbewusstseins, Kontrollverlust, Reduzierung der Kreativität und Denkleistung.“ 8 Frank Schirrmacher (2004): Das Methusalem-Komplott. S. 100. Es handelt sich also um eine Art self-fulfilling prophecy.

Kommt der Seniorengarten von Projekt Agora ganz ohne Vorbilder aus? Natürlich nicht. Diese Linksammlung zeigt einige tolle Angebote, die Ideen für Projekt liefern könnten:


Beitragsbild: © Samo Trebizan/ fotolia

Anmerkungen   [ + ]

1. Wir würden gerne keine Definition „der Älteren“ angeben, weil sich damit schon ein Grenzziehung ergibt, die wir eigentlich ablehnen. Aber für die Bewerbung unserer Ideen und der Verbesserung des sozialen status quo können wir auf diese sprachliche Krücke leider nicht verzichten.
2. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Die demographische Lage der Nation
3. Frank Schirrmacher (2004): Das Methusalem-Komplott. S. 17
4. Schimany zitiert nach Frank Schirrmacher (2004) Das Methusalem-Komplott. S. 115
5. In Schirrmachers Worten: „Das Methusalem-Komplott der Alten gegen die Ideologie der Jungen kann nur ein einziges Ergebnis haben: Möglichkeiten der Freiheit zu schaffen, Entscheidungsräume der freien selbstbestimmten Wahl zu öffnen, und zwar dort, wo sie dem Menschen in atemberaubender Weise geraubt werden: in seinem Altern. (S. 82)
6. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/warum-unternehmen-auf-aeltere-mitarbeiter-setzen-sollten-a-826077.html
7. Zur Verdeutlichung sei gesagt: Agora will kein Pflegeheim sein, sondern etwas bisher unbekanntes, eben ein Seniorengarten, der Menschen sinnvoll beschäftigt, gemeinsam Projekte umsetzt, die lokale Wirtschaft unterstützt, aber natürlich kein Lieferant billiger Arbeitskräfte ist.
8. Frank Schirrmacher (2004): Das Methusalem-Komplott. S. 100

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