Perspektiven probieren

Perspektiven eröffnen

Kritik am Schulsystem ist ja gerade wieder groß in Mode (Lesch, Precht, u.a.) und die Kultusministerien haben sich in den letzten Jahren auch wirklich nicht mit Ruhm bekleckert (G8, Lehrermangel, uvm.). Es werden mangelhafte Konzentrationsfähigkeit und verrohende Umgangsformen der Schüler sowie nachlassende Leistungen und eine Kompetenz-Orientierung statt einer Fokussierung auf das Können konstatiert.

Aber was im Chor der Ankläger nur selten erklingt, weil es auch gar so schlecht messbar ist, ist die nachlassende Fähigkeit sich selbst Perspektiven zu eröffnen. Das Bewusstsein zu haben, in einer von vielen möglichen Welten zu leben, die ihrerseits gestaltbar ist. Auch einmal ergebnisoffene Fragen zu stellen: Was können wir tun? Was kann ich werden? Geistig einen eigenen Weg zu beschreiten, wirklich zu denken, und nicht nur nachzudenken über bereits Vorgedachtes.

Schule ist freilich kein philosophisches Seminar (und Projekt Agora ist es auch nicht) und die gerade erfolgte Anlehnung an Heideggers kleine Schrift „Was heißt Denken?“ ist vielleicht vermessen. Jedoch sollte in beiden Institutionen die Fähigkeit zur Akzeptanz und zur inneren Abbildung von Perspektivenpluralimus ein hohes Ziel sein. Und zwar nicht in Form eines „anything goes“ oder eines „das kann man halt so und so sehen“, was letztlich sogar für Trumpsche Fake-News Verständnis aufbringen muss. Sondern in Gestalt eines zähen Ringens, um gemeinsam geteilte Weltinterpretationen, um persönliche Integrität, um Werte und Moral. Das sind Grundlagen unseres modernen Zusammenlebens, die gerade von mehreren Seiten unter Beschuss genommen werden. Deshalb sieht es Projekt Agora als seine Aufgabe an, diese Grundlagen nicht nur (aber auch) abstrakt und philosophisch zu beschreiben, sondern ebenso praktische Einstiege in die großen Fragen der Gestaltbarkeit des Lebens und die Verletzlichkeit unserer (Um-)Welt anzubieten.

Wir erinnern uns an den Tweet von Naina

Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.

Daraufhin wurde viel diskutiert, wieviel Alltagswissen die Schule vermitteln soll. Unser Verständnis von Schule ist, dass es besser so ist, wie Naina beschreibt, als andersherum. Die Wissenslücken in den Bereichen Steuern, Miete und Versicherungen, aber auch die Frage der Studien- und Berufswahl können in der Familie und Gemeinschaft gefüllt werden, wie es bis dato ja auch (noch) im Hinblick auf die Wahl des richtigen Sports oder der passenden Ernährung der Fall ist.

Projekt Agora will Helfer sein bei der Suche nach Antworten und beim Stellen von Fragen. In der Agora Akademie und in verschiedenen weiteren Angeboten kann man sich auf die Suche nach den eigenen Talenten machen. Aus unserem persönlichen Freundeskreis und beruflichem Netzwerk können wir eine Vielzahl möglicher Lebenslinien präsentieren lassen, z.B. bei Austauschtagen zur Studien- und Berufswahl oder der Vermittlung von Mentoren. Auch eine Kooperation mit Schulen bei Vorträgen oder Workshops ist in unserem Sinne. Jedoch ganz klar mit einem Fokus auf die Brüche in den Biographien bzw. einem Hinterfragen der (scheinbaren) Kontinuität der Lebensläufe.

Umfassender als das Betrachten unserer wirtschaftlichen Perspektive, sind die Fragen nach unserer Umwelt, sowohl menschlicher, sozialer Umwelt, als auch tierischer, pflanzlicher, also ökologischer Umwelt. Wie ist der Zustand? Wie soll er sein? Auch hier ein Bewusstsein für den Möglichkeitsraum zu schaffen, ist das Anliegen von Projekt Agora.

Sehr eng mit der sozialen Umwelt ist unsere psychische Verfassung verbunden, schließlich werden wir wir alle (sofern wir nicht Teil eines Kaspar Hauser Experiments sind) in Gemeinschaft geboren und stellen uns die Fragen „wer bin ich“, „wie bin ich“ und in zweiter Ordnung auch „wie sehe ich mich“ nie unabhängig von der Frage „wie sehen mich die anderen“ und vom Handeln und Verhalten der Umwelt an sich. Anregungen zur Reflexion zu bieten, mehrere Perspektiven auf sich selbst und auf andere(s) zuzulassen, ist unser Ansinnen und wird viele Inhalte von Projekt Agora prägen. Wir setzen uns für eine Persönlichkeitsbildung ein, die der Komplexität der Welt und der persönlichen Individualität gerecht werden soll. Damit grenzen wir uns ganz entschieden von der Ratgeberflut im Buchhandel ab, die mit einfachen und verallgemeinerten Lösungen bzw. vorgefertigten Entwicklungsstufen daherkommt.

Post scriptum:

Unsere Lebensläufe als gestaltbare Ströme wahrzunehmen haben wir längst gelernt (viele nennen es „Karriere“). Auch unsere Körper werden von uns modifiziert und in Mittel der Kommunikation und Statussymbole verwandelt. Ja, sogar unser Geist ist Gegenstand unserer eigenen Optimierung geworden – und zwar nicht nur im Hinblick auf Wissen und Können, sondern auch im Hinblick auf seine Wirkung auf andere. Unsere Gesellschaft ist gleich psychologisiert.

Bei diesem Satz von Jesper Juul, einem mehr oder weniger gefeierten Pädagogen, überfiel mich kürzlich das kalte Grauen:

Vielleicht werden ihr Einsatz und ihre Erfahrungen [der Eltern und Pädagogen, die ihre eigene Integrität, und die der zu Erziehenden, schützen sollen, Anm. SB] am Ende dazu führen, dass die psychologische Entwicklung der Menschheit auf den gleichen Stand kommt wie die technologische und ökonomische. 1 Juul, Jesper (2016) Leitwölfe sein. Liebevolle Führung in der Familie. Weinheim: Beltz Verlag. S. 27

Juul hofft also auf die „psychologische Entwicklung der Menschheit“, nicht etwa auf die moralische, kognitive oder ästhetische. Er wünscht sich also, wenn man ihn positiv interpretieren möchte, ein erfolgreicheres Vermessen des Erlebens und Verhaltens der Menschen (so definiert sich die Psychologie). Mit negativer Lesart träumt Juul von einem Ausbau des Steuerungswissens über die menschliche Psyche. Wie dieser Satz sagbar wurde, lässt sich kultur- und wissenschaftshistorisch leicht erklären: durch die Individualisierung auf der einen Seite und die Traditionen des Empirismus und Positivismus auf der anderen. Allerdings kann das für den Einzelnen hochproblematisch werden: was, wenn meine Erziehung scheitert? Dann habe ich sicher nicht genügend Psychologie gelernt! Das Schuldpotential ist auf einmal da, wo früher Tradition, Intuition und manchmal auch Liebe waren. Und wir wundern uns allenthalben über Burnout und Depressionen? Man könnte fast von rekatholisierten Verhältnissen sprechen – die früheren Katholiken wurden ja auch mit dem Makel der Erbsünde geboren und wir bürden uns heute ähnliches auf, indem wir potentiellem (!) Defizit immer schon präventiv (!) entgegenwirken müssen: treibe genügend Sport, trinke nicht zu viel Alkohol, rauche nicht, ernähre dich „richtig“ … ich frage mich: Wo ist die Lust? Wo ist die Muße, die sich schlecht einstellen mag, wenn man dauernd Besseres zu tun hat? Wo ist der Genuss?

Manchmal, wenn ich fast daran glaube, dass die fortlaufende Selbstoptimierung menschlicher Normalzustand ist, stelle ich mir vor, wie sich Richard Wagner und Thomas Mann beim Joggen im Englischen Garten begegnen, sich von neuen Gemüse-Mischgetränken erzählen (Wagner detoxed gerade) und sich über die große Einfühlsamkeit aber mangelhafte Resilienz von Ludwig II. unterhalten. Diese Vorstellung ist schlechterdings absurd. Weil, ja, weil es so aus der Zeit gefallen ist. Aber war das eine schlechtere oder gar unlautere Haltung zu unserem Dasein, die die Menschen vor mehr als hundert Jahren pflegten? Es handelt sich doch vielmehr um eine viel direktere Beziehung, ohne ich-bezogenes Klein-klein, das in unseren Tagen oftmals den Blick auf die großen Fragen verstellt. Wenn man sich heute zwischen Millionen Wohnzimmerdesigns, Tausenden potentiellen Urlaubszielen und hunderten verschiedenen Diäten entscheiden muss, erscheinen die Fragen nach dem richtigen politischen System, dem Wert der Freiheit oder dem Wesen der Liebe zunehmend abstrakt und lebensfern.

Unser Leben ist von allerhand Zufällen bestimmt. Einer davon ist der Zeitraum unseres Auf-der-Welt-Seins. Freilich werden wir in ein Weltbild, eine „Denke“ hineingeboren, aber es ist seit jeher Aufgabe der Philosophen – und seit der Aufklärung vielleicht der ganzen Menschheit -, die Präsuppositionen herauszuschälen und kritisch jeder bestehenden Struktur gegenüberzutreten und zu versuchen, sich bewusst im zufälligen Strom des Lebens zu bewegen.

Das schließt natürlich nicht aus, dass man sein Leben steuern kann. Natürlich kann man. Das ist sogar eine wichtige Errungenschaft der modernen gegenüber der traditionalen Gesellschaft. Aber steuern ist nicht alles. Wer glaubt, alles in das Prokrustesbett der evidenzbasierten, positiven Wissenschaft zwingen zu können, verleugnet sein eigentliches Menschsein und verliert sich am Ende selbst.

Herausbilden von ästhetischer Urteilskraft, Schärfung des moralischen Bewusstseins und eine Entfaltung der eigenen Talente sind unseres Erachtens förderungswerter als eine weitere Psychologisierung der Ratgeber-geschädigten Gesellschaft.


Beitragsbild: © Photocreo Bednarek / fotolia

Anmerkungen   [ + ]

1. Juul, Jesper (2016) Leitwölfe sein. Liebevolle Führung in der Familie. Weinheim: Beltz Verlag. S. 27